Dagmar Hild, Leiterin des Terzo-Zentrums Dortmund, kennt die Funktion des Gehörs genau.

      Quellennachweis:

      [1] Berger AVWS, 2007
      [2] Hörminderung im Alter, 2005
      [3] Lace TM Studie, 2006 
      [4] Plastic Changes in the CAS, 2002
      [5] Interview Dr. Nölken, 2009
      [6] Frühzeitige HG Anpassung, 2009
      [7] Hesse Therapeutische Ansätze

Aktueller Stand der Medizin zum Thema Gehörtherapie

"Wenn man ausgetretene Pfade verlässt und mutig neue Wege geht, so kommt der umfassenden Information eine wichtige Rolle zu. HÖRAKUSTIK1 hat zur objektiven Aufklärung eine Literaturrecherche zum Thema "Wirksamkeit der Gehörtherapie" zusammengestellt. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, belegt jedoch eindrucksvoll, dass eine Hörgeräte-Anpassung mit einhergehendem Gehörtraining einer Versorgung ohne Gehörtherapie vorzuziehen ist" erklärt die Leiterin des Terzo Zentrums Dortmund, Dagmar Hild.

Hören ist in erster Linie eine "Hirnleistung", wie Prof. Dr. R. Berger (seit 1993 Professorin an der Phillips-Universität Marburg und Leiterin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie) 2007 in [1] darlegt. Diese Hör(verarbeitungs)-Prozesse umfassen besonders die Spracherkennung. Der intakte Hörverarbeitungsprozess ermöglicht das "Verstehen" in geräuschvoller Umgebung. Störungen im Hörsystem führen zu einem Hörverlust, der auch als Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) bezeichnet wird. Die größte Bedeutung zur Verbesserung der bestehenden auditiven Störungen haben übende Verfahren. Auditive Funktionen lassen sich trainieren, müssen aber mit auditiv-sprachlichem Übungsmaterial erfolgen. Reine "Horchübungen" können nicht den gleichen Effekt erreichen.

Prof. Dr. G. Hesse (Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen- Ohrenheilkunde), erläutert in [2], dass für jeden Schwerhörigen eine Audio- oder Hörtherapie eine wichtige Rolle zukommt. Klinische Erfahrungen unterstreichen, dass die Akzeptanz von Hörgeräten nach einer die Anpassung begleitenden Hörtherapie deutlich verbessert wird.

Der amerikanische Hochschullehrer Prof. Dr. R. Sweetow (Mitglied der American Academy of Audiology), hat 2006 die Ergebnisse einer detaillierten Studie [3] veröffentlicht, die beeindruckend den Effekt der Gehörtherapie belegt. Voruntersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Hör-Trainings zu Hause unter realistischen Bedingungen (Wiedergabe von Alltagssituationen), das Hörvermögen in relativ kurzer Zeit verbessern konnte. An 5 US-amerikanischen Kliniken und der University of California, San Francisco, haben 65 Probanden zwischen 28 und 85 Jahren an der klinischen Studie teilgenommen. Von den 65 Probanden haben bereits 56 ein Hörgerät getragen, 9 waren noch nicht versorgt, geben aber an, Schwierigkeiten beim Verstehen in nebengeräuschreichen Situationen zu haben. Alle Probanden haben das angewandte Hörtraining (LACE™ = Listening and Communication Enhancement) durchlaufen. Eine Vielzahl von anschließenden Tests belegten sowohl subjektiv wie objektiv eine Verbesserung des Sprachverstehens: Nach dem ersten Viertel der Gehörtherapie zeigten alle Probanden eine Verbesserung. Nach Abschluss des gesamten Trainings zeigten 87% der Probanden ein besseres Sprachverstehen im Störlärm als nach dem ersten Viertel des Trainngs.

Grundlegende Effekte des Gehörtrainings beschreibt auch Prof. Dr. J. Syka vom Institut für Experimentelle Medizin von der Academy of Science in Prag. In einer Veröffentlichung [4] von 2002 beschreibt er, wie der Auditive Cortex (Hörrinde) über ein Hörtraining bestimmte Frequenzen und Frequenzbereiche (Anm: nichts anderes ist Sprache) besser wahrnehmen kann. Explizit spricht er von einer resultierenden „dramatischen Verbesserung … von Sprachverstehen“.

Der Neurobiologe Dr. Wilko Nölken bestätigt 2009 in einem Interview mit dem Chefredakteur der Zeitung am Samstag in Freiburg [5], dass sich bei einer halben bis einer Stunde Terzo-Training pro Tag phänomenale Trainingsergebnisse erreichen lassen.

Dass man mit dem Gehör-Training bei einsetzendem Hörverlust nicht zu lange warten soll, betont Neurobiologe Alex Meredith (Virginia Commonwealth University School of Medicine, USA), der in [6] zitiert wird. Seine Studien bestätigen die immense Wichtigkeit einer frühzeitigen Hörsystemversorgung.


Quellenverzeichnis

[1] Berger, R.: Auditive Verarbeitungs-und Wahrnehmungsstörungen (AVWS), In Z Allg Med 2007; 83(3):113-117

[2] G. Hesse, A. Laubert: Hörminderung im Alter – Ausprägung und Lokalisation. In Deutsches Ärzteblatt, Jg. 102, Heft 42

[3] Sweetow R., Sabes, J.: The Need for and Development of an Adaptive Listening and Communication Enhancement (LACE TM) Program, In Journal of the American Academy of Audiology, Vol. 17, Number 8, 2006, S. 538-558

[4] Syka, Josef (2002): Plastic Changes in the Central Auditory System After Hearing Loss, Restoration of Function, and During Learning
 Physiol Rev, Vol 82, July 2002, S. 601-636

[5] Zeitung am Samstag, Freiburg: Das Hören neu trainieren, Interview mit Dr. Wilko Nölken und Reinhard Sorg, 2009, S. 7

[6] Hörakustik 5/2009: Frühzeitige Hörsystem Anpassung verhindert Gehirnveränderung, Median Verlag Heidelberg, S. 6



Weitere Fachveröffentlichungen zum Thema:

[7] Hesse, G.: Therapeutische Ansätze zur Verbesserung der auditiven Perzeption. In: HNO Praxis, heute 21, 2002, S. 197-212

[8] Seidler, H. zitiert in Hessel, Durch simultane Therapie lernen Gehörlose neue Hörsprache. „Dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichbar, Hörakustik 6, 2007: 92-94 (Anm. Notwendigkeit eine Gehörtherapie bei CI-Versorgung)

[9] S. Wiehe: Untersuchung zum Sprachverständnis im Störgeräusch mit dem Oldenburger Satztest (OLSA) mit und ohne FM-Anlage, Promotion an der Philipps-Universität Marburg, Institut für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde, 2010

[10] Illing RB:  Activity-dependent plasticity in the adult auditory brainstem.
In Audiol.Neurootol. 6, 2007: 319-345.

[11] J. M. Young, W. J. Waleszczyk, C. Wang, M. B. Calford, B. Dreher & K. Obermayer: Cortical reorganization consistent with spike timing - but not correlation-dependent plasticity. In Nature Neuroscience (online), 27. Mai 2007

[12] Tara Keck, Thomas D. Mrsic-Flogel, Miguel Vaz Alfonso, Ulf T. Eysel, Tobias Bonhoeffer, Mark Hübener: Massive restructuring of neuronal circuits during functional reorganization of adult visual cortex, In Nature Neuroscience, 31.
August 2008

[13] Illing, RB and Reisch, A.: Specific plasticity responses to unilaterally decreased or increased hearing intensity in the adult cochlear nucleus and beyond. In Hearing Research Volumes 216-217, June-July 2006, Pages 189-197

[14] Illing, RB et al.: Reconnecting neuronal networks in the auditory brainstem following unilateral deafening, Hearing Research Volume 206, Issues 1-2, August 2005, Pages 185-199